{"id":28852,"date":"2023-09-25T12:17:54","date_gmt":"2023-09-25T10:17:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.l3s.de\/?p=28852"},"modified":"2023-11-16T16:33:53","modified_gmt":"2023-11-16T15:33:53","slug":"zu-viel-science-fiction-im-kopf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.l3s.de\/de\/zu-viel-science-fiction-im-kopf\/","title":{"rendered":"\u201eZu viel Science-Fiction im Kopf\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wie k\u00f6nnte man KI an der Schule\nnutzen \u2013 und warum sind die\nBer\u00fchrungs\u00e4ngste dort so gro\u00df? Ein Gespr\u00e4ch\nmit dem Informatiker Wolfgang Nejdl<\/p>\n\n\n\n<p><strong>INTERVIEW:\u00a0ANDREAS BERNARD<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Erfindung von Chat-GPT herrscht an Schulen Sorge \u00fcber Betrug bei Hausaufgaben und Seminararbeiten. Im Diskurs um KI und Bildung steht das Unbehagen im Zentrum, dass die neuen Sprachmodelle das selbst\u00e4ndige Denken- und Schreibenlernen des Menschen endg\u00fcltig an eine k\u00fcnstliche Technik auslagern. Kant schrieb 1784 die ber\u00fchmten Worte: \u201eDie Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufkl\u00e4rung.\u201c Ist das Projekt in Gefahr? Wolfgang Nejdl leitet das Forschungszentrum L3S an der Leibniz-Universit\u00e4t Hannover, dort besch\u00e4ftigen sich rund 200 Computerwissenschaftler aus aller Welt mit Fragen der k\u00fcnstlichen Intelligenz und Sprachmodellen wie Chat-GPT. Nejdl forscht auch zum Bereich der Bildung. Zeit f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>SZ: Herr Nejdl, bedrohen die Sprachmodelle das 250 Jahre alte Projekt der Aufkl\u00e4rung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang Nejdl: Unser Schwerpunkt beim Einsatz von Chat-GPT in der Bildung liegt immer auf der aktiven Nutzung; die Sprachmodelle als Gespr\u00e4chspartner f\u00fcr Sch\u00fcler, die auch von ihrem Elternhaus her nicht die M\u00f6glichkeit haben, kurz bei ihrer Mutter oder ihrem Vater nachzufragen, wie das jetzt genau war mit Heinrich IV. oder Schillers \u201eR\u00e4ubern\u201c. Aber es gibt zweifellos auch die rein passive Nutzung, die Erleichterung oder sogar Erschleichung von Aufgaben, das gebe ich sofort zu. Was das Selberdenken und die \u00dcbermacht der Technik betrifft: Da ist es wichtig zu sehen, dass solche technischen Hilfsmittel an der Schule eine lange Geschichte haben, man denke an den Taschenrechner.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Als das Ger\u00e4t an deutschen Gymnasien Ende der Siebziger im Mathematikunterricht zugelassen wurde, gab es aufgeregte Debatten um das Ende der Rechenkompetenz, die der jetzigen Sorge \u00e4hneln.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe 1979 in Wien meine Matura gemacht, und da waren gerade die ersten Modelle verf\u00fcgbar, die man sogar schon programmieren konnte. An die Kritik erinnere ich mich auch, aber mehr noch an meine eigene Begeisterung, konkrete Aufgaben mit dem Ger\u00e4t l\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Zum Beispiel habe ich als Sch\u00fcler ein Programm geschrieben, das alle Primzahlen bis 100 ausgegeben hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Also lag Ihr Fokus schon damals auf der selbsterm\u00e4chtigenden Nutzung der Technik?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich bin ich im Kopfrechnen irgendwann schlechter geworden, aber mein Punkt war eher: Wenn du den Taschenrechner benutzt, hast du das notwendige Zeug schnell erledigt und kannst darauf aufbauen und im Stoff weitergehen. So sehe ich auch die Einbeziehung von Google, Wikipedia und jetzt Chat-GPT in Schule und Bildung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arbeiten Schulen in Deutschland denn \u00fcberhaupt schon mit Sprachmodellen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht verwendet werden sie meines Wissens zurzeit noch nicht. Aber es gibt bei uns an der Leibniz-Universit\u00e4t und anderswo gerade Initiativen, Sprachmodelle in der Lehrerbildung einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Worum geht es da?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Sch\u00fcler das Internet als haupts\u00e4chliche Informationsquelle bei Hausaufgaben oder Referaten nutzen, \u00fcber Google und Wikipedia, ist seit vielen Jahren eine Tatsache. Sprachmodelle k\u00f6nnen diese Recherche verfeinern und auch individuell an das Interesse des einzelnen Sch\u00fclers anpassen. Wenn man eine Suchmaschine und ein Sprachmodell miteinander koppelt, wie es Microsoft Bing jetzt schon tut, ergibt sich eine intelligentere Suche. Die Sch\u00fcler bekommen auf ihre Frage, zum Beispiel \u00fcber ein historisches Thema, nicht nur eine Zusammenfassung, sondern sie erhalten auch weitere Referenzen und k\u00f6nnen R\u00fcckfragen stellen. Mit Sprachmodellen wie Chat-GPT l\u00e4sst sich ja eine richtige Konversation f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie werden die Lehrer in den aktuellen Fortbildungen dabei angeleitet?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir erarbeiten Kurse f\u00fcr Lehrer und f\u00fcr Referendare, in denen wir konkrete Fragestellungen ihrer jeweiligen F\u00e4cher diskutieren: Wie Sprachmodelle im Klassenzimmer und in der Hausaufgabenstellung sinnvoll eingebunden werden k\u00f6nnen. Die meines Erachtens wichtigste Neuerung f\u00fcr den Unterricht besteht ja darin, dass mit der Einbeziehung von Chat-GPT als Rechercheinstrument nicht mehr jeder Sch\u00fcler das Gleiche liest, sondern im Dialog mit dem Sprachmodell auf ganz eigene Gedanken und weiterf\u00fchrende Fragen kommt, je nachdem wie weit das Interesse sie oder ihn f\u00fchrt. Jeder Sch\u00fcler hat andere Fragen an den Stoff, und da sehe ich bei den Sprachmodellen die Chance, dass individuelle Vertiefungen st\u00e4rker m\u00f6glich werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Chat-GPT f\u00fchrt also zu einer Personalisierung des Unterrichtsstoffs?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die notenrelevanten Grundlagen dessen, was in einer Schulstunde vermittelt wird, m\u00fcssen nat\u00fcrlich f\u00fcr alle gleich bleiben, aber auf diese Weise wird es f\u00fcr manche Sch\u00fcler einfacher und anregender, sich weitere Informationen zu verschaffen, wenn sie das wollen. Au\u00dferdem gibt es ja bestimmte Schulklassen \u2013 Oberstufen mit verschiedenen Abschlusszweigen oder Grundschulklassen auf dem Dorf mit unterschiedlich alten Sch\u00fclern \u2013, in denen die Lehrer das heterogene Leistungsniveau immer im Unterricht ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen. Da w\u00fcrde sich die Integration von Sprachmodellen in meinen Augen stark anbieten. Und wir helfen den Lehrern dabei, diese Integration besser zu bewerkstelligen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kritiker sagen, dass Sprachmodelle nicht einfach eine graduelle Entwicklung von Suchmaschinen und Online-Enzyklop\u00e4dien sind, sondern eine Z\u00e4sur: Halten Sie das f\u00fcr deplatziert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist keine einfache Frage. Denn es ist ja tats\u00e4chlich so, dass man in Unterhaltungen mit Chat-GPT oft den Eindruck hat, das Sprachmodell antworte wie ein Mensch. Und das ist neu. Taschenrechner und Google treten in keinen Dialog mit mir. Sprachmodelle k\u00f6nnen W\u00f6rter mit so gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit vorhersagen, dass ein sinnvolles Gespr\u00e4ch entsteht, weil sie mit so unglaublich viel Text trainiert werden. Der Gesamtumfang von Wikipedia zum Beispiel betr\u00e4gt nur vier Prozent dessen, was Chat-GPT bislang gelesen hat. Da aber nur programmiert wird, was das Sprachmodell lernt, und nicht, was es sagen soll, kommt es zu diesen Irritationen, dass da vielleicht ein vernunftbegabtes Wesen sitzen k\u00f6nnte. Deshalb ist es auch so wichtig, dass kontrolliert wird, was das Sprachmodell liest. Au\u00dferdem werden dem Modell Bewertungsfunktionen antrainiert, ein innerer Kompass gewisserma\u00dfen, der sicherstellt, dass es in Dialogen mit Nutzern nicht in rassistischer oder sexistischer Weise antwortet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie erkl\u00e4ren Sie es sich, dass \u00fcber den Einsatz an Schulen bislang so wenig gesprochen wird?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht haben wir alle zu viel Science-Fiction im Kopf. Deshalb ist f\u00fcr mich der Bereich der Bildung so wichtig, weil man in den Schulen gut ansetzen kann, um die Einsatzm\u00f6glichkeiten im Einzelnen durchzuspielen und den Sch\u00fclern damit auch von vornherein das Unbehagen zu nehmen. Wenn man wei\u00df, wie etwas funktioniert, ist es in der Regel nicht mehr bedrohlich. Es gibt ja das alte Sprichwort: Alles, was man nicht versteht, ist Magie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das hei\u00dft, der Einsatz von Sprachmodellen in der Schule w\u00e4re Ihrer Ansicht nach eher eine zeitgem\u00e4\u00dfe Fortf\u00fchrung des aufkl\u00e4rerischen Projekts?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist auf jeden Fall das Ziel. Sprachmodelle und KI werden gerade sehr stark in alarmistischen Kontexten dargestellt. Abgesehen davon, dass ich die existenzielle Gef\u00e4hrdung durch den Klimawandel viel bedrohlicher finde als k\u00fcnstliche Intelligenz, geht es in unserer Arbeit gerade darum, Dinge unaufgeregt zu erkl\u00e4ren. Das kann auch einfach bedeuten, dass wir den Lehrern genau zeigen, wie die Vorschlagsalgorithmen auf Youtube oder Tiktok funktionieren und wie diese Algorithmen daf\u00fcr sorgen, dass die Verweildauer ihrer Sch\u00fcler auf diesen Plattformen durch immer st\u00e4rkere Reize maximiert wird. In unseren Fortbildungskursen soll auch ein Bewusstsein f\u00fcr diese verborgenen Strategien geschaffen werden. Fr\u00fcher nannte man das die Herstellung von Medienkompetenz. Wir versuchen, den Lehrern und Sch\u00fclern heute KI-Kompetenz zu verschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Quelle: S\u00fcddeutsche Zeitung vom 13.09.2023 (<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/schule-ki-betruegen-chatgpt-lehrer-chancen-risiken-1.6019526?reduced=true\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" title=\"\">Online-Artikel<\/a>) <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00a9 S\u00fcddeutsche Zeitung GmbH, M\u00fcnchen. Mit freundlicher Genehmigung von <\/em><a href=\"http:\/\/www.sz-content.de\/\"><em>S\u00fcddeutsche Zeitung Content<\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie k\u00f6nnte man KI an der Schule nutzen \u2013 und warum sind die Ber\u00fchrungs\u00e4ngste dort so gro\u00df? Ein Gespr\u00e4ch der S\u00fcddeutschen Zeitung mit L3S-Direktor Wolfgang Nejdl.<\/p>","protected":false},"author":6,"featured_media":22042,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-28852","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-news"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.l3s.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28852","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.l3s.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.l3s.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.l3s.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.l3s.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28852"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.l3s.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28852\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.l3s.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/22042"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.l3s.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28852"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.l3s.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28852"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.l3s.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28852"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}