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Interview mit Dr. Lea Lensment

„Jüngere brauchen noch viel Hilfe im Umgang mit Hard- und Software“

Dr. Ivana Marenzi, Projektleiterin im Bereich Digitale Bildung am L3S, spricht mit Dr. Lea Lensment, Studienrätin für die Fächer Chemie und Physik an der Ricarda-Huch-Schule in Hannover, über die Digitalisierung von Schule in der Pandemie und die Schulplattform IServ.
 

Frau Dr. Lensment, wie war die Akzeptanz der Online-Schule und auch von IServ, bei Ihnen, bei Ihren Kollegen und bei Ihren Schülern?

Als ich vor zehn Jahren an meiner jetzigen Schule anfing, wurde dort schon mit IServ gearbeitet. In allen Chemie- und Physik-Fachräumen gab es eine relativ stabile Internetverbindung und schon digitale Tafeln. Durch die Pandemie hat sich mein Nutzungsverhalten aber grundsätzlich verändert. IServ verwende ich nicht mehr nur für E-Mails oder die Speicherung von Unterrichtsergebnissen und den Arbeitsblättern, sondern der ganze Unterricht und die Organisation findet nun über IServ statt.

Wie verwenden Sie IServ?

In der Ricarda-Huch-Schule verwenden wir Standardmodule wie E-Mail, Dateien, Office und Klausurplan. Dazugekommen sind die Module Aufgaben, Videokonferenzen, Texte (für die Gruppenarbeit), Umfragen, Edupool, News und Kalender für die Organisation der Videokonferenzen.

Wie können Ihre Schüler zusammenarbeiten?

Am häufigsten wird an meiner Schule sicherlich das IServ-Videokonferenz-Modul BigBlueButton und das Modul Texte eingesetzt. Beide Tools sind gut für die Gruppenarbeit geeignet. Kommunikation in den Gruppen findet über die Module Messenger und Foren statt, aber auch über Whatsapp.

Verwenden Sie auch andere Tools oder Plattformen?

Ja, und regelmäßig schaue ich nach neuen Tools mit anderen Funktionalitäten oder fertigen Anwendungen. Oft ist eine Verwendung aus Datenschutzgründen jedoch schwierig, so können wir zum Beispiel Padlet oder LearningApps nur begrenzt einsetzen. H5P-Einheiten werden aber über das IServ-Modul Edupool verwendet, was viele neue Unterrichtsmöglichkeiten bietet.

Welche Endgeräte verwenden Ihre Schüler?

Nicht alle haben zu Hause einen PC, einen Laptop oder ein Tablet zu Verfügung. Die Teilnahme am Online-Unterricht mit einem Smartphone ist sicherlich alles anderes als optimal. Die oft mangelhafte Internetanbindung zuhause ist ein weiteres Problem. So ist es für einige Schüler sehr schwierig, dem Unterricht zu folgen, und für Lehrkräfte zu unterrichten.

Wie steht es um die digitalen Fähigkeiten Ihrer Schüler?

Dies kann man kaum pauschal beantworten. Jüngere Schüler brauchen noch viel Hilfe im Umgang mit Hard- und Software. Diese Unterstützung kann die Schule kaum organisieren und muss von Eltern geleistet werden. Ab dem achten Jahrgang sind kaum Hilfestellungen mehr nötig. Dennoch müssen auch ältere Schülerinnen und Schüler digitale Fähigkeiten erst erwerben.

Haben sich die Leistungen der Schüler im Digitalunterricht verändert?

Ein Vergleich zum Präsenzunterricht ist äußerst schwierig; wie viel und wie sehr in der Tiefe im Online-Unterricht gelernt wurde, kann man vielleicht auch erst nach der Pandemie feststellen. Klar ist, dass dies stark von den gestellten Aufgaben und von den Schülerinnen und Schülern selbst abhängt. Problematisch ist sicherlich der Online-Unterricht selbst. Anders als im Präsenzunterricht, in dem man die gesamte Klasse im Blick hat und in der Situation reagieren kann, haben die Schüler keine Kamera und manchmal auch kein Mikrofon aktiviert. Die Gründe sind sehr unterschiedlich. Die Beteiligung am Unterrichtsgeschehen variiert wie im Präsenzunterricht sehr stark, aber man kann weniger darauf eingehen. Speziell ist dann sicherlich auch die faire und individuelle Leistungsbewertung.

Wie ist die Infrastruktur an Ihrer Schule?

Meine Schule wird gerade nach dem Standard des Medienentwicklungsplans der Stadt Hannover ausgerüstet. Dies bedeutet, dass in allen Unterrichtsräumen eine digitale Tafel und schnelles Internet zur Verfügung stehen wird. Die Computerräume werden mit neuen Geräten ausgestattet und es ist Support vom Rechenzentrum der Stadt Hannover vorgesehen. Bis jetzt wurden in Hannover fünf Schulen nach diesem Standard ausgestattet, sechs weitere folgen. Technisch kommt es damit zu einem riesigen Entwicklungssprung im Vergleich zur Situation vor der Pandemie. Aber die Unterrichtsplanung und -durchführung findet überwiegend zu Hause statt. Das bedeutet, dass die Lehrkräfte mit privaten Geräten und häuslichem Internet Distanzunterricht durchführen müssen.

Ist es einfach, Online-Unterricht zu planen?

Es ist für mich und viele andere Lehrkräfte deutlich zeitaufwendiger. Ein eigenes Thema ist die Orientierung im Dschungel der Möglichkeiten aus juristischer Perspektive: Darf ich das Tool überhaupt verwenden, welche Daten werden gespeichert und wo?

Was haben Sie für die Zeit nach der Pandemie gelernt?

Covid-19 war ein Katalysator für die Digitalisierung in der Schule und auch für die Entwicklung meiner digitalen Kompetenzen. Einige digitale Tools werde ich mit Sicherheit weiterhin nutzen, obwohl ich auch froh bin, wenn regulärer Präsenzunterricht mit analogen Materialien und vielfältigeren Sozialformen wieder möglich ist. Bleiben wird sicher auch der leichtere Austausch mit Kollegen, etwa über die Notwendigkeit von Hardware oder die Einführung von Tabletklassen. Die Schülerinnen und Schüler werden in der Berufswelt zunehmend digital arbeiten und müssen jetzt in der Schule auch darauf vorbereitet sein. In gewisser Weise war die Covid-19-Pandemie für alle Lehrkräfte eine Initialzündung mit Langzeitwirkung.