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Digitale Technologien werden ja oft als Werkzeuge oder Tools beschrieben. Digitale Tools, so die Idee, unterstützen User in Organisationen auf vielfältige Weise: Sie helfen, bessere und sicherere Entscheidungen zu treffen, erleichtern Vernetzung und Kooperation und unterstützen uns bei der Bewältigung von Komplexität. Das Werkzeug wartet gewissermaßen auf seinen Gebrauch. Der Knackpunkt ist nur: Die Rede vom digitalen Werkzeug geht fehl, unterstellt sie doch den Nutzern, die eigentlichen Handelnden zu sein. Diese übersichtliche Konstellation von menschlichem Subjekt und technischem Objekt ist wenig haltbar; Zweifel daran bestehen nicht erst seit der Diskussion um autonomes Fahren. Die spannende Frage ist: Wenn digitale Technologien keine Werkzeuge (mehr) sind, was sind sie dann? Wie kann man also die Rollenverteilung zwischen Mensch und digitaler Technik nuancierter und angemessener beschreiben und nicht schon im Vorfeld klare Trennlinien ziehen, wie es die Begriffe des Werkzeugs oder der Nutzer tun?

Am L3S baut Juniorprofessorin Dr. Stefanie Büchner die Forschungsgruppe Digital Cases auf, die genau dieser Frage nachgeht. An der Schnittstelle von Soziologie, Science and Technology Studies und Informatik werden ab Mai 2020 drei Mitarbeiter untersuchen, wie komplexe digitale Infrastrukturen die tägliche Arbeit in Organisationen prägen. Stefanie Büchner und ihre Forschungsgruppe greifen dazu erstmals auf einen organisationsvergleichenden Ansatz zurück und begleiten Mitarbeiter in einem Krankenhaus, einem Gericht und einem Sozialen Dienst bei ihrer Arbeit mit Fallmanagementsystemen. Ähnlich wie SAP prägen diese Infrastrukturen den Alltag in Organisationen auf vielfältige, oft widersprüchliche Weise. Statt nach einer neuen Kompaktformel als Alternative zur Werkzeugmetapher zu suchen, werden die Forscher unterschiedliche Formen der gemeinsamen Strukturierung von Arbeitsvollzügen analysieren. Welche unterschiedlichen Formen und Muster von verteilter Handlungsträgerschaft zeigen sich in der Behandlung von Patienten, dem Prozessieren von Fällen und der Gewährung von Hilfen zur Erziehung? Welche Gemeinsamkeiten, zum Beispiel im Umgang mit Warnmeldungen oder dem Tracking von Arbeitsaktivitäten, zeigen sich fallübergreifend? Und wie verändert sich dadurch das Verhältnis von Organisation und Profession?

Das Projekt wird durch ein Freigeist-Fellowship der VolkswagenStiftung gefördert.

 

Kontakt:

Jun.-Prof. Dr. Stefanie Büchner

Buechner@L3S.de

L3S-Mitglied Stefanie Büchner ist zurzeit Gastwissenschaftlerin am Department of Informatics der University of California in Irvine. Sie ist Juniorprofessorin am Institut für Soziologie der Leibniz Universität Hannover und Mitglied der Jungen Akademie.